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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 36

"Was itze?"
"Wir müssen raus."
"So kommen wir hier nie raus", bemerkte Gunnar, während er an sich hinunterblickte.
"Es ist bedauerlich, dass sie nicht weiter als bis zu diesem Zeitpunkt geplant haben."
Malandro sah den Hügelstätter böse an, der jedoch unbeeindruckt weitersprach.
"Woher wusstet ihr überhaupt von diesem Weg? Es erscheint mir recht unwahrscheinlich, dass ihr zufällig auf diesen Eingang gestoßen seid."
"Ihr Kollege hat ihn uns gezeigt."
"Mein Kollege? Meine letzten Informationen waren, dass der Botschafter dieses Land verlassen musste."
Malandro zuckte mit den Schultern, während er Gunnar und Wintur half, Tiscio gegen die Mauer zu lehnen.
"Nannte sich Phinebrik, Uriar Phinebrik. Schien sie zu kennen", meldete sich Wintur zu Wort. "Auch unser Auftrag schien ihm bekannt zu sein."
"Der Name ist mir nicht geläufig." Der Botschafter sah mit starrem Blick die Straße hinunter. "Das ist sehr beunruhigend."
Kols vier verbliebenen Mitgefangenen beobachteten sie, während sie unruhig mit den Füßen scharrten.
"Beunruhigend ist vor allem, dass wir hier rumstehen. Wir sollten wirklich verschwinden", mischte sich der Mann ein, der sich ihnen als Aataius vorgestellt hatte. Angeblich hatte er gegen die neue Politik seines Landes gekämpft. Er hielt den Weg des Dampfes und der Mechanik für entmenschlichend. Allerdings wäre ihm der Verzicht auf diese Neuerungen nicht genug gewesen. Er hätte am liebsten auch die Verwendung der Magie verboten, die seiner Meinung nach genauso verheerende Auswirkungen auf sein Volk hatte.
"Ihr könnt gehen. Es hält euch keiner auf."
Und das war das letzte, was sie von den Männern sahen, die sie befreit hatten. Es war nicht einmal mehr ein Dankeschön oder ein Gruß zu hören, als sie die Straßen hinuntereilten.
"Vielleicht hätten sie uns helfen können, Mal? Die kennen sich hier wenigstens aus."
"Gmm", gestand Malandro seinen Fehler ein, bevor er sich verteidigte: "Aber je mehr wir sind, desto leichter ist es, uns zu finden. Außerdem wissen wir gar nich‘, was das für Kerle war‘n."

Während sie noch diskutierten und ihre kurzzeitigen Weggefährten hinter den nächsten Ecken verschwanden, näherte sich ihnen ein junger Mann. Er schien es nicht eilig zu haben, steuerte aber geradewegs auf sie zu. Erst als er sie ansprach, nahmen sie ihn wirklich wahr.
"Guten Abend. Ich glaube, ich soll euch helfen."
Das erschreckte Schweigen, welches auf diese Begrüßung folge, wurde von der panischen Abwehrhaltung, die sie automatisch einnahmen, nur noch unterstrichen so dass der junge Mann einen Schritt zurück machte und beschwichtigend seine Hände hob. "Entschuldigung, ich wollte sie nicht erschrecken."
"Das ... Was ... Wer sind sie?" stammelte Malandro.
"Mein Name ist Fabrizio."
"Und dürfen wir erfahren, was sie dazu veranlasst hat, hierherzukommen und uns ihre Hilfe anzubieten."
Fabrizio blickte Kol Therond mit zur Seite gelegtem Kopf an, als müsste er sich seine Antwort gründlich überlegen.
"Sind sie aus den Hügelstätten?" fragte er schließlich warte jedoch die Antwort nicht ab. "Wenn ja, dann verstehen sie es vielleicht. Ich hatte eine Vision. Und seit geraumer Zeit höre ich auf meine Visionen."
"Was für eine Vision denn?"
"Nichts Besonderes, aber es war ziemlich eindeutig. Nur, dass ich hier ein paar Leute treffen würde, die meine Hilfe benötigen würden. Sowas halt. Nicht wie in den alten Sagen. Sowas wie: Wenn du dahingehst, dann wird jemand furchtbare Prügel beziehen und dann ist man es selber."
"So faszinierend diese Ausführung auch sein mag befinden wir uns hier in einer recht exponierten Position. Wenn sie uns tatsächlich helfen wollen, dann wäre der erste Schritt dazu sicherlich, uns an einen sicheren Ort zu bringen."
"Sie kommen nicht gerne gleich auf den Punkt, oder?"
Außer Kol konnte sich niemand ein leichtes schmunzeln verkneifen.
"Haben sie eine Unterkunft?"
"Ich könnte sie zu meinem Zimmer bringen. Dann sind sie wenigstens von der Straße runter. Was haben sie denn angestellt, dass sie es so eilig haben."
"Etwas so Schlimmes, dass wir keine Zeit haben, dies in einer für alle Seiten befriedigenden Weise zu erklären."
"Aber dafür reicht es? Na, dann kommen sie einfach mit."
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte er sich um und schritt voran. So angeschlagen wie sie waren, fiel es ihnen schwer, mit ihm Schritt zu halten. Glücklicherweise war der Weg nicht weit und wenig später fanden sie sich in einem Zimmer wieder, welches nur knapp ausreichend Platz für die kleine Gruppe bot.
"Was ist mit ihm? Wart ihr in einer Schlägerei?"
"Könnte man sagen."
"Lasst mich mal sehen. Ich verstehe was vom Heilen."
"Ich auch", warf Gunnar ein, ernte damit aber nur einen Blick, der ihn von oben bis unten musterte und zu dem Ergebnis kam, dass er keine Ahnung hatte, wovon er sprach.
Fabrizio legte Tiscio die Hände auf murmelte etwas und alle, die in dem kleinen Raum nicht von irgendjemandem die Sicht versperrt bekamen, konnten beobachten, wie sich die Wunden schlossen.
"Heilmagie? Sehr interessant. Sie dienen nicht zufälligerweise dem Stab?"
"Welchem Stab? Ach, sie meinen das Ding, das die in den Hügelstätten haben?"
Kol Therond lächelte und neigte leicht den Kopf.
"Nein, ich diene der Frühlingskönigin."
"Vilet ist hier?" stieß Tiscio seine ersten Worte nach fast einen Tag hervor.
"Wer ist Vilet?"
"Sie war Frühlingskönigin in Xpoch", erklärte Gunnar.
"Ah. Nein, diese Vilet war nicht meine Frühlingskönigin."
"Eine andere Frühlingskönigin?"
"Natürlich, Gunnar. nur für ein Jahr."
"Ach ja, ‘tschuldigung."
"Kein Problem, es kann ein wenig verwirrend sein. Ich mein: Königin! Da denkt man doch sofort, dass es ein Leben lang andauert."
"Ja, natürlich. Wie lange sind sie schon ihr Priester?"
"Erst seit letztem Jahr. Als ich Paezri zum ersten Mal gesehen habe, hat das mein Leben verändert. Ich hatte sofort das Gefühl, dass sie mich versteht und weiß, wovon sie spricht, wenn sie verstehen, was ich meine."
"Oh, wir verstehen das sehr gut."
"Können wir uns einen Moment auf die wichtigen Dinge besinnen? Wie zum Beispiel, wie der Zustand meines Ornithopters ist. Und gehe ich recht in der Annahme, dass ihr nicht weiter nach dem Luftschiff gesucht habt?"
"Ist das Rauskommen nich' wichtiger?"
"Wenn wir 'rauskommen' sollten wir nicht wie Enten in einem zugefrorenen See hocken müssen. Und auch wenn unser Entkommen pressierlich ist, dürfen wir unser eigentliches Ziel doch nicht aus den Augen verlieren."
"Das klingt ja sehr spannend. Was ist dann das Ziel?"
"Es gibt da Rebellen, die das Königreich vernichten wollen. Sie kommen von Oravahl und ..."
"Wir müssen die Welt retten", unterbrach Gunnar Tiscio, bevor er noch langatmiger werden konnte.
"Dann ist klar, warum ich meine Vision hatte. Ich soll ihnen helfen, die Welt zu retten."
"Ernsthaft? Das ist, was sie daraus schließen?"
"Wenn wir das ein wenig abkürzen könnten? Meinetwegen können sie mitkommen. Jemanden mit ihren Talenten können wir sicherlich gebrauchen. Aber könnte mir bitte jemand meine Fragen beantworten?"
"Der Orni war noch kaputt, als wir sie befreien gegangen sind. Das Luftschiff haben wir nicht gesucht." Malandros Stimme bekam inzwischen einen genervten Unterton, wenn er mit dem Botschafter sprach. Er begann sich zu fragen, warum sie ihn überhaupt befreit hatten.
"Wir müssen immer noch erst herauskommen."
Tiscios Einwand brachte alle für einem Augenblick zum Schweigen.
"Dann müssen wir morgen einen Weg suche. Heute ist es sowieso zu spät."
"Sag mal Mal, warum kannst du eigentlich nicht heilen?"
"Was ist denn das jetzt für eine Frage?"
"Du zauberst, aber irgendwie nichts Vernünftiges."
"Und was ist mit den Schutzzaubern?"
"Welche Schutzzauber?"
"Die ich im Kerker vor dem Kampf gegen die Kerkerknechte gewirkt habe."
"Du hast Schutzzauber?"
"Ach stimmt, da warst du weggetreten."
Wäre Gunnar nicht dazwischen gegangen, hätte Fabrizio an diesem Abend vermutlich noch ein weiteres Mal seine Fähigkeiten demonstrieren können.




Die Jungen aus der Feldstrasse