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Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 24

Badb Gwylains Körper versank auf einen Schlag in Niedergeschlagenheit. Er nickte kurz und bat: "Kann ich noch meiner Familie Bescheid sagen. Sie werden sich sorgen machen."
Bevor der Oberwachtmeister den Erfinder jedoch ins Haupthaus entlassen konnte, meldete sich Gunnar zu Wort: "Einen Moment! Er hat einen mechanischen Wächter auf meinen Freund Malandro und mich gehetzt."
"Sie haben einen mechanischen Wächter?" fragte Beulfang erstaunt.
"Natürlich. Ich verkaufe sie schließlich auch."
"Und sie haben ihn auf diese jungen Leute losgelassen?"
"Was sollte ich denn sonst tun? Sie lungerten um mein Haus herum. Hätte ich auf sie schießen sollen?"
Die Stimme des Oberwachtmeisters wurde sehr ruhig. "Und wo ist der Wächter jetzt? Ich hoffe, sie sagen mir jetzt nicht, dass er immer noch durch meine Straßen läuft und Jagd auf Menschen macht."
Als der Angesprochene nicht gleich antwortete, übernahm Gunnar dies für ihn, diesmal mit ernster Sorge in der Stimme, nachdem ihm endlich bewusstgeworden war, in welcher Gefahr sich sein Freund immer noch befand. "Er ist bestimmt noch hinter Malandro hinterher."
"Rufen sie ihn sofort zurück." Alle Ruhe war aus der Stimme des Bertis verschwunden und er verwendete einen Ton, von dem zumindest die Feldstraßler wussten, dass danach nur noch sehr unangenehme Taten folgen würden, sollte man seinem Befehl nicht Folge leisten.
Mit großen Augen starrte der Erfinder auf den Mann mit dem Raupenhelm. Er war es nicht gewohnt, dass jemand auf diese Art mit ihm sprach, weswegen es ein paar Sekunden dauerte, bis er sich aus seiner Lähmung löste, nickte, einen kleinen Kasten hervorholte und auf einen Knopf drückte.
"Äh, ah, ich habe ihn ausgestellt. Reicht das?"
Er erhielt nur ein knappes Nicken zur Antwort.
"Dann müssen wir ihn jetzt suchen, damit ihn niemand ...", versuchte er mit einem flehenden Ton, wurde aber durch die Blicke aller Anwesenden zum Schweigen gebracht.

Im Hauptgebäude der Metrowacht taten Tiscio inzwischen gehörig die Füße weh. Trotzdem bat er seinen Vorgesetzten, seinen Dienst beenden zu können, um nach Malandro zu suchen.
"Das kann ihr Freund übernehmen. Sie haben heute gute Arbeit geleistet und ich möchte, dass sie bei dem Verhör dieses Verdächtigen dabei sind." Für seine Freunde hätten sich die Worte des Oberwachtmeisters nach so einem Tag eher wie eine Strafe angehört, aber Tiscio war noch nie bei einem offiziellen Verhör dabei gewesen, und empfand es als die Ehre, als die es gemeint war. Dies tat er selbst noch, als er feststellte, dass er nur als Wächter in einer Ecke stehen durfte und nicht mit am Tisch saß.
"Es ist spät, Herr Gwylain, deswegen wollen wir keine Zeit verplempern", begann sein Vorgesetzter. "Sie sagten, sie hätten den Auftrag vor zwei Tagen erhalten. Aus ihrem Auftragsbuch geht hervor, dass den Auftrag jemand erteil hat, der sich als Imo Keiring vorstellte. Was hat er genau bestellt?"
"Wie ich schon sagte, habe ich ihm ein Gerät gebaut, dass zwei beliebig verankerte Gegenstände zusammenziehen kann. Es sollte tragbar sein und nicht zu laut. Aber das sind meine Automaten immer."
"Haben sie eine Idee, warum dieser Herr zu ihnen gekommen ist?"
"Ich will doch wohl annehmen, dass mein Ruf als bester Mechaniker unserer Stadt ausreichen wird, um Kunden anzulocken", kam die brustgeschwollene Antwort.
"Ah." Der Oberwachtmeister machte sich eine Notiz, was die Brust sofort wieder abschwellen ließ. "Zwei Tage erscheint mir eine recht kurze Zeit für einen derartigen Auftrag zu sein."
"Aber nicht doch", sagte der Erfinder, diesmal etwas vorsichtiger. "Viele der Teile habe ich vorgefertigt auf Lager. Und die Konstruktion eines so simplen, Handgetriebenen Geräts ist für einen Ingenieur meines Kalibers wirklich kein Problem."
"So", sagte der Bertis diesmal, nachdem Gwylain erneut etwas zu viel Luft eingesogen hatte. "Ich habe in ihrem Auftragsbuch auch die Adresse ihres Kunden gefunden. Haben sie ihn jemals aufgesucht?"
"Bitte, Herr Oberwachtmeister, er wollte das Gerät abholen und der Zeitplan war denkbar eng, selbst für jemanden wie mich. Warum sollte ich einem Kunden nachspionieren?"
"Natürlich. Ich verstehe. Ich habe bereits vier Wachtmeister zu der Adresse geschickt, um die Angaben zu prüfen. Wie wurden sie bezahlt?"
"Eine Anzahlung bei Auftragsstellung und den Rest bei Abholung. So wie es üblich ist, bei solchen Arbeiten."
"Ich sehe. Da hatten sie natürlich keinen Anlass, sich zu beklagen, wenn er bezahlt hat. Und das hat er, vermute ich."
"Ja. den vereinbarten Preis."
"War es ein guter Preis."
"Ich kann nicht klagen."
"Höher als der übliche für eine solche Arbeit?"
"Hören sie, Herr Oberwachtmeister: Mein Kunde hatte es eilig. Er war gewillt viel Geld zu bezahlen und ich habe nur das genommen, was er zu bezahlen bereit war."
"Beruhigen sie sich, Herr Gwylain. Ich will ihnen keine unlautere Handlung vorwerfen. Mir geht es nur darum, dass ein Mann mit einem Namen zu ihnen kommt, der kaum nichtssagender sein könnte, eine dringende Arbeit von ihnen erledigt haben will, jeden Preis zu bezahlen bereit ist und dabei eine Adresse hinterlässt, aber davon ausgehen kann, dass sie sie niemals aufsuchen werden. Alles zusammen hätte dies bei manchen vielleicht zu Zweifeln an der Lauterkeit des Kunden führen können."
"Jetzt werfen sie mir doch etwas vor."
"Ich stelle nur fest", erwiderte Beulfang mit dem Kopf über seinem Block, in den er ein paar weitere Zeilen kritzelte. "Wichtiger in diesem Augenblick sollte jedoch sein, dass wir uns auf die Suche nach jenem Mann machen, der dieses Gerät von ihnen erworben hat. Können sie ihn für uns beschreiben?"
"Und hatte er vielleicht einen Dialekt", konnte Tiscio in diesem Moment nicht mehr an sich halten. Er wusste, dass der strenge Blick des Oberwachtmeisters, den er daraufhin erhielt, berechtigt war.
"Nun, ich habe nicht so sehr auf ihn geachtet. Ich kannte ihn nicht und ich merke mir Kunden normalerweise erst, wenn sie einen zweiten Auftrag erteilen. Ich würde aber sagen, dass er eher nach Hafen oder vielleicht auch Neustadt klang."
"Sein Äußeres, Herr Gwylain."
"Oh, ach. Er hatte, glaube ich, schwarze Haare. Und er war vornehme gekleidet. Zylinder und alles. Wenn ich mich recht erinnere, waren seine Hände nicht ganz sauber. Ja, das ist es in etwa."
"Würden sie ihn wiedererkennen, wenn sie ihn sähen?"
"Ich denke doch wohl, ja."
"Dann sollten wir sie besser in Gewahrsam nehmen."
"Aber warum denn? Ich habe doch alles gesagt, was ich weiß. Sie können mich doch nicht verhaften, weil ich ein Gerät gebaut habe."
"Wenn ich ehrlich bin, würde ich sie gerne tatsächlich genau dafür verhaften, denn Erfinder wie sie, die ohne nachzudenken wildfremden Menschen ach so hilfreiche Gerätschaften verkaufen, bringen die Stadt immer wieder in Gefahr. Aber nein, ich werde sich nicht verhaften. Es geht mir vielmehr um ihre Sicherheit."
"Meine Sicherheit?"
"Die Gegenstände, die mit ihrer Erfindung gestohlen wurden, waren Beweismittel in einem Mordfall. Daher müssen wir annehmen, dass der Dieb mit dem Mord in Verbindung steht und sicher kein Interesse daran hat, dass jemand uns, der Metrowacht, sein Aussehen beschreiben kann."
Alle weiteren Einwände ignorierte der Oberwachtmeister, indem er schweigend den Raum verließ, Tiscio hinter sich herwinkend. Draußen warteten bereits die Metrowächter, die er zur vorgeblichen Adresse der Kunden des Erfinders geschickt hatten.
"Es war niemand zuhause."
"Konnten Sie etwas von den Nachbarn erfahren?"
"Ja, Herr Oberwachtmeister. Das Haus steht seit drei Monaten leer, nachdem der Besitzer gestorben ist. Sie behaupten, sein Geist würde immer noch dort umgehen."
"Haben sie gefragt, wie sie darauf kommen?"
"Angebliche Poltergeistaktivitäten, Herr Oberwachtmeister."
Mit einem Blick zu Tiscio kommentierte er: "Was bedeutet, dass sie Geräusche hören."
"Vermutlich, Herr Oberwachtmeister."
"Danke für den Bericht. Wegtreten." Erneut an Tiscio gewandt, sprach er weiter: "Bevor ich sie in den Feierabend entlassen, möchte ich sie bitten, mir die Stelle zu zeigen, wo sie die Spur mit dem Schnüffler aufgenommen haben."
Tiscio salutierte, immer noch stolz auf die besondere Rolle, die er an diesem Abend spielte. Ohne Umschweife führte er seinen Vorgesetzten zu dem Fenster, vor dem Gunnars Gerät zu surren begonnen hatte. Oberwachtmeister Beulfang ließ sich das Ereignis erneut genau beschreiben und befragte seinen Wachtmeisteranwärter auch ausgiebig zur Funktionsweise des Schnüfflers, bis er mit einem müden Seufzen den Rückweg zum Revier antrat. "Wir werden einen richterlichen Beschluss benötigen, um dieses Haus betreten zu dürfen. Das kostet alles zu viel Zeit."




Die Jungen aus der Feldstrasse